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Neuseeland - Liebe auf den zweiten Blick? - Teil 2

Etwas ernüchtert vom Touristentrubel in Te Anau und den überteuerten Angeboten, ließen wir wir das Fjordland links liegen, genauso wie das Abenteuerland rund um Queenstown, welches uns einfach zu überladen vorkam und nahmen den kürzesten Weg nach Wanaka. Dieser verlangte unserem Roady die letzten Reserven ab. Es ging auf engsten, kurvigen Straßen immer nur steil bergauf. Was eine Tortour. Aber wir kamen über den Berg und wurden mit einer grandiosen Aussicht belohnt. Es war auch spektakulär zu sehen, wie die Boeings und Airbusse durchs Tal flogen, um am Ende in Queenstown zu landen. Ab dann ging es für nur noch gemächlich bergab, was ein gutes Vorankommen mit sich brachte. Vorbei an einer im Goldrausch vergangener Zeiten entstandenen Siedlung, die im Original erhalten geblieben schien, landeten wir am Lake Wanaka, um dort unser Nachtlager aufzuschlagen. Raphael mußte mir dort beweisen, was er für ein Kerl ist. Er konnte es während des ausgedehnten Sonnenbades am Bergsee nicht lassen, ins kühle Nass zu springen, während ich nur bis zu den Waden gelangte. Mir genügten die kalten Füße völlig. Aber schön war es, sich mal wieder die wärmende Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. 

Die am nächsten Tag folgende Etappe sollte uns wieder zurück an die Küste nach Haast führen, entlang an den sehenswerten Lake Huwae und Wanaka, sowie an den Blue Pools, einer Touristenattraktion, wie uns der großzügige aber volle Parkplatz zu verstehen gab. Wir schlossen uns den Massen ein wenig desillusioniert an. Verzichten wollten wir allerdings auch nicht. Wir wußten nicht, was uns erwartete. Wir haben die Attraktion nur zufällig an der Strecke entdeckt. Ein kleiner Marsch mußte absolviert werden, bevor sich der Blick auf ein zweigeteiltes Flußbett öffnete, welches sich in der Sonne mit seinem türkisfarbenen Wasser anstrahlte. Vor dem Zusammenfluß waren beide Flußarme jeweils mit einer Schwingbrücke überspannt, die immer nur eine gewisse kleine Anzahl an Personen betreten durften, um die Stablität nicht zu gefährden. Leider war eines der beiden Flußtäler zwischen Felsklippen bereits in tiefen Schatten getaucht. Wir hätten wohl früher aufstehen sollen. Aber so ist das, wenn man halbwegs planlos durch die Gegend fährt. Auf dem sonnigen Kiesbett verweilten wir einige Zeit. Raphael sinnierte, während ich photographierte. Irgendwann mußten wir uns zwingen aufzubrechen, um noch bei Tageslicht an der Küste anzukommen. Ganz in Eile waren wir allerdings nicht, weil wir ausnahmsweise aufgrund mangelnder Campingplätze in der Gegend bereits vorgebucht hatten. Völlig übertrieben,  wie wir bei der Ankunft merkten. Haast selbst hat uns nicht wie erhofft inspiriert, dreigeteilt in Town Centre, Junction und Beach. Länger mochten wir hier nicht verweilen, zu dem die Sandfliegen auch hier wieder über uns herfielen.

So traten wir am nächsten Morgen fast fluchtartig den Weg an der Küste entlang in die Ausläufer der von Gletschern bedeckten Berge an. Das war schon sehr spektakulär. Wir machten eine kurze Rast am Black River mit einem Spaziergang durch den im Wasser stehenden Wald. Das Tanin der sich zersetzenden Bäume färbt das Wasser so dunkel. Und doch ist auch dort so viel verschiedenes Leben, genauso wie die berüchtigten Sandfliegen am Parkplatz. Nichts wie weg. Ein ganzes Stück Weg zum Fox Glacier und weiter zu unserem Tagesziel, dem Franz Josef Glacier lag noch vor uns. In Fox Glacier stoppten wir nur kurz, um etwas Proviant zu besorgen, unter anderem wohlschmeckenden geräucherten Wildlachs aus der Region. Zu mehr lud das Wetter nicht ein, da es in Strömen regnete. Kurz vor Franz Josef Glacier gab es eine Regenpause, pünktlich an einem ausgewiesenen Aussichtspunkt mit verschiedenen Wanderwegen. Der Strom an Touristen folgte dem großen Weg zur Attraktion, den Gletscher von einer Flußüberführung aus zu sehen. Wir schlugen uns schnell in die Büsche und folgten einem einsamen etwas kürzeren Weg durch den Wald. Das war denke ich die richtige Entscheidung. Bei wieder einsetzendem Regen, vorhandenem Dunst und tiefstehenden Wolken wäre die Sicht ohnehin nicht berauschend gewesen. So kamen wir dann auch noch rechtzeitig, um auf dem gewünschten Rainforest Retreat Campground eine Parkbucht zu erwischen, mit Nachbarn aus Aachen. Die Welt ist ein Dorf. Beim Abendmahl in der Gemeinschaftsküche kamen wir dann sogar noch mit einem älteren Paar aus Bayern ins Gespräch, die auch länger unterwegs waren und etwas aus dem Nähkästchen plauderten. Insgesamt gesehen war das schon eine Ausnahme. Irgendwie blieben die meisten Umherreisenden für sich und spulten ihr Programm ab. Das das Reisen in naher Zukunft schwerer fallen würde, erahnten wir zu diesem Zeitpunkt nur in Ansätzen. Da wurden aufgrund der Corona-Pandemie die ersten Flugstreichungen internationaler Flüge von Asien nach Europa bekannt. Uns tangierte das nicht wirklich, da wir eh noch eine Weile in Ozeanien bleiben wollten.

Genug von Bergen und Gletschern fuhren wir weiter gen Norden und landeten am Punakaiki Beach, wo sich die nahe gelegenen Pane Cake Rocks befinden. Das ursprünglich geplante Hokitika und Greymouth überfuhren wir geflissentlich. In Hokitika machten wir zwar einen kleinen Stop, um uns umzuschauen. Aber mehr als ein Einkauf im Supermarkt war nicht drin. Es war uns zu touristisch und kommerziell auf den Verkauf von Jade-Schmuckstücken ausgerichtet. In Punakaiki fanden wir dann einen schönen ruhigen Campground direkt am Meer und Mündung des Porarari-Rivers, der sich durch die Bergschluchten schlängelte. Insgeheim hofften wir da noch, je schneller wir nach Norden voran kamen, einen Traum von Raphael zu verwirklichen. Er wollte gern nach Karamea mit dem angrenzenden Oparara-Basin. Aber die Zeit wurde immer knapper und ich brauchte eine Fahrpause an diesem schönen Flecken Erde. Auf der einen Seite das Meeresrauschen, auf der anderen den alten von Palmen bewachsenen Wald, den wir am nächsten Tag dann in Ruhe erwandern konnten. Damit war aber auch klar, daß wir den vielfach angepriesenen Wald bei Karamea nicht schaffen konnten. Die zu fahrende Strecke ließ dies einfach nicht zu. Der Weg zurück nach Christchurch wäre dann zu lang geworden. Zudem hätten wir auch nicht wirklich Zeit gehabt, das Gebiet zu durchstreifen. Nur um einen kurzen Blick zu werfen, war es uns der Streß nicht wert. So genossen wir die Zeit in Punakaiki mit einem Ausflug zu den Pan Cake Rocks, einen Blick in eine der Höhlen der Umgebung mit Glühwürmchenkolonie, einem Spaziergang an der Flußmündung des Porarari, einen tollen Sonnenuntergang an der Westküste, die Kiwi-Rufe in der Nacht und dem ausgedehnten Walk auf dem Porarari-Trail. Am dritten Tag fuhren wir weiter nach Westport. Da wir nun aufgrund der kurzen Distanz viel Zeit hatten, fuhren wir zunächst zum nahegelegenen Cape Foulwind Aussichtspunkt, von wo aus ein Trail zu der von Seelöwen besiedelten Tauranga Bay führte, den wir uns auch zu Gemüte führten. War das ein Spaß, den vielen kleinen Löwen bei ihrem Spiel zuzuschauen. Die Erwachsenen waren wohl mehrheitlich auf Nahrungssuche. Zurück am Carters Beach, am Stadtrand von Westport, bezogen wir unseren Campground, bevor wir eine Stadtrundfahrt samt Shoppingtour durch Westport mit unserem Camper absolvierten. Das Westport als der schönste Ort Neuseelands beschrieben wurde, erschloß sich uns nicht wirklich. Vielleicht lag es auch in der Broschüre, die nicht unbedingt repräsentativ für das ganze Land war, sondern eher Lokalcolorit trug. Es gab im Supermarkt nicht mal frischen Fisch, obwohl Westport einen kleinen Fischereihafen hat. Somit gab es die abendliche Pasta halt mit einer reichhaltigen Gemüsesoße, dazu für mich ein leckeres neuseeländisches Pils. 

Am Folgetag hieß es Abschied nehmen vom Meer und ab durch die Berge zurück zur Ostküste. Es war ein wunderschöner Tag mit noch angenehmen Temperaturen und Sonne, die uns die Fahrt durch den Lewis Pass erleichterten. Dazu kam der wenige Verkehr und die schönen Aussichten entlang der Strecke, die zwar recht kurvig war, aber nicht zu steil für unseren Roady. Eine kurze Kaffeepause machten wir in einer historischen Bergwerkssiedlung namens Reefton. Sehr nett anzuschauen und der Kaffee samt Gebäck taten auch ihr Gutes. Gekräftigt ging der Weg weiter in die Berge. Je näher wir der anderen Seite kamen, um so mehr Wolken zogen auf und es wurde zusehends kälter auf der Temperaturanzeige des Campers. Das sollte uns aber nicht daran hindern, an einem auf einem Hochplateau zwischen den Bergen liegenden Aussichtspunkt mit Picnic Area und Wanderwegen uns ein wenig die Beine zu vertreten. Wir wurden belohnt mit wundervollen Aussichten auf einen schneebedeckten Gipfel und einem uralten Wald mit von Flechten überwucherten Buchen. Das hatte was vom Tor zum Himmel. Den Weg nahmen wir zwar nicht, aber immerhin bekamen wir unseren Auslauf für den Tag. Wir hatten uns dann noch für eine Übernachtung in einem Ort kurz vor der Ausfahrt aus den Bergen mit den erholsamen Hot Pools entschieden. Unser Tagesziel Hanmer Springs erwartete uns dann mit sehr frischen Temperaturen. Daß ließ uns schon etwas zusammenzucken. Eine Wohltat waren daher die verschiedenen Pools mit Temperaturen zwischen 35 und 42 Grad Celsius, dazu mit mehr oder weniger Bubbles und Schwefeldämpfen. Nach zwei Stunden hatten wir genug. Die Haut war aufgeweicht und unser Kreislauf erschöpft von den Wechselbädern. So daß wir den Rückzug zum Campground antraten, um uns um unser Abendmahl zu kümmern. Etwas neidisch wurden wir auf diejenigen, die die nächsten Tage in der Gegend verbringen würden, da es dann wieder angenehme 20 Grad und Sonnenschein geben sollte. Wir hatten leider keine 10.

Wir aber mußten weiter nach Christchurch. Noch ein Tag und eine Nacht, bevor wir den Roady wieder abgeben mußten. Ab diesem Tag kamen täglich Neuerungen in der Handhabe der Corona-Krise auch in Neuseeland ins Leben. Das erste Mal erfuhren wir das am eigenen Leib im Campground in Christchurch, wo wir Europäer uns ausweisen und bestätigen mußten, daß wir schon länger als die 14 Tage Quarantänezeit für Neuankömmlinge im Land sind. So allmählich wurde es also auch hier ernst. Wir hatten ja schon einige Hiobsbotschaften aus Europa vernommen und daher den zunächst von Anfang April auf Ende März vorgezogenen Weiterflug nach Neukaledonien nun doch wieder nach hinten geschoben, auf Ende April, um abzuwarten, bis sich die Lage beruhigt. Wir hatten ja ursprünglich noch zwei Wochen für die Nordinsel geplant. Allerdings hatten wir irgendwie genug von der Rumreiserei und etwas kalt war uns auch inzwischen geworden, im aufkommenden Herbst. Wir bevorzugen schon das wärmere Neukaledonien. Doch dann kam Corona und Vorahnungen, wie es sein könnte mit Ausgangssperren und eventuellen Versorgungsengpässen. Da schien uns Neuseeland besser aufgestellt, als das von Frankreich abhängige Neukaledonien. Zudem wußten wir eher in Neuseeland als in Neukaledonien, was uns erwartet und wie alles geht, von der Sprache ganz zu schweigen. So verlegten wir den Flug um vier Wochen nach hinten. Da wußten wir noch nicht, daß es wohl wesentlich länger dauern könnte. Mittlerweile (Anfang April) wurde der Flug für Ende April bereits komplett gecancelt und in ein Guthaben umgewandelt. 

So traten wir zunächst den Inlandsflug mit Air New Zealand nach Auckland an. Diese Flüge liefen noch normal, während die internationalen schon spärlicher wurden oder gar ganz weg fielen. Wir hatten ja schon von einigen Touristen vernommen, daß ihre Heimflüge gestrichen wurden und sie nicht wußten, wie es für sie weitergeht. Wir schon. Wir wollten eh noch nicht zurück nach Deutschland, sondern uns lieber hier im Land aufhalten, so lange man uns das noch ließ. Einige Kiwis guckten ja schon schief auf die Europäer. Und jedes Mal beantworten zu müssen, daß man schon 4 Wochen im Land ist und bereits über zwei Monate aus Europa raus, ist echt nervig. Unsere Gastgeberin für die nächsten beiden geplanten Nächte in Auckland war auch sehr verunsichert, ob sie uns aufnehmen soll. Sie fragte uns eindringlich, ob wir wirklich gesund und munter waren. Wie schnell führen Angst und Panik zu Ausgrenzungen und Anfeindungen. In Neuseeland galt mittlerweile Level 2 auf der von der Regierung aufgestellten Skala bis 4 zum COVID 19. Das bedeutete, daß man im Inland noch reisen durfte. Gut so. Wir hatten uns ja noch kurzerhand ein Auto für vier Wochen gemietet, um damit den Norden abzuklappern, Orte intensiver zu erleben, die bisher zu kurz gekommen waren bzw. neue zu entdecken. So stand uns nun doch noch die dritte Runde in Neuseeland, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, bevor, womit wir dann auch mehr Zeit bekamen, über unsere Liebesbeziehung nachzudenken.

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Kommentare: 1
  • #1

    Maria (Montag, 04 Mai 2020)

    Lieber Steffen,

    habe gerade erst realisiert, dass du deinen Blog weitergeschrieben hast. Also die letzten 3 Einträge habe ich heute erst gelesen und die Bilder angeschaut. Also von der Südinsel habt Ihr doch sagenhafte Landschaftsfotos mitgebracht. Sehr beeindruckend.
    Aber nach diesem doch recht anstrengenden Trip war es doch wahrscheinlich sogar nun gut, sich in einer bubble mit angeschlossenem botanischem Garten erholen zu können. Ich bin sicher, bald geht es wieder weiter.

    Viele liebe Grüße aus Kölle
    Maria

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