· 

Neuseeland - In die dritte Runde

Etwas unfreiwillig gingen wir nun in unsere dritte Runde, jetzt wieder auf der Nordinsel, im Northland., nördlich von Auckland. Wir brauchten wohl noch etwas Bedenkzeit. Diese sollte zudem auch etwas länger ausfallen.

In meiner weisen Voraussicht hatte ich bereits zu unserer Gastgeberin vom Ausflug an die Bay of Island vom Anbeginn der Reise Kontakt aufgenommen. Ich wollte auf jeden Fall nach Möglichkeit meinen bevorstehenden Geburtstag an einem schönen Ort feiern. Und siehe da, genau die vier Tage ab dann waren verfügbar und ich schlug, ohne lange hin und her zu überlegen, sofort zu. Julie ist mit ihrer Unterkunft sehr gefragt. Da mir die Strecke für eine Etappe zu weit war, hatte ich noch eine Station dazwischen ausgewählt. Die wurde dann allerdings zum ersten Reinfall der Reise. Wir wunderten uns ja schon, daß die AirBnB-Host's sich überhaupt nicht meldeten auf unsere Buchung, auch nicht auf Nachfrage. Aber gebucht war gebucht und wir fuhren hin, standen dann aber vor verschlossenen Türen. Die vermeintlichen Gastgeber waren vor mehr als drei Monaten von dort verschwunden, samt Hausverkauf. Wie wir von einem Nachbarn erfuhren, waren wir wohl nicht die einzigen Betrogenen. AirBnB hat sich dazu bis heute nicht be uns gemeldet, außer das Inserat auf unsere Meldung hin von der Angebotsseite zu nehmen. Die 70 EUR sind wohl futsch. Nun mußten wir zusehen, wo wir jetzt nachmittags um vier unterkommen. Wir hatten ja jetzt keinen Camper mehr, aber das Wissen, daß es auf den meisten Campgrounds auch sogenannte Cabins gibt, also kleine oder große Hütten, mit oder ohne Selbstversorgung (self-contained) Dazu gibt es flächendeckend Motels an Neuseelands Straßen. Aber es war Samstag und wir noch nahe Auckland. Die Straßen waren voller Wochenendausflügler. Ob wir da schnell was bezahlbares finden?

Ich mit meinem Instinkt schaute direkt noch mal im Kalender von Julies Unterkunft in Whangarei nach. Vielleicht war ja doch noch was vor dem Montag drin. Und siehe da, zwar nicht der Samstag, aber der Sonntag war möglich. So riefen wir schnell an, um alles klar zu machen. Die Freude war auf beiden Seiten groß. Nun ging es nur noch um die nächste eine Nacht. Kurzerhand steuerten wir im nächsten Badeort Orewa einen der beiden Campingplätze an und fragten, ob noch was zu haben wäre. Es war etwas zu haben, aber zu welchem Preis? Die kleine Hütte war bezahlbar aber ohne Ausstattung. So nahmen wir die große self-contained Touristen Kabine für 135 NZD. Da hätten wir sogar zu fünft oder gar sechst übernachten können. Wir waren zu zweit. Egal, es war gut für eine Nacht. Wir besorgten uns nach einem ausgiebigen Strandspaziergang noch Zutaten für einen kräftigende Mahlzeit. Da wir in dem Bewußtsein waren, daß wir die nächste Woche eher vegetarisch unterwegs sein würden, weil Julie kein Fleisch und Fisch ißt und das auch ihren Gästen mehr oder weniger abverlangt, gab es zum Dinner eine große Portion Beef incl. einer reichhaltigen Gemüsepfanne. Mittlerweile wissen wir, daß uns Fleisch und Fisch auch bei Julie nicht verwehrt werden. Wieder mal so ein Mißverständnis. Die schwere Kost ließ uns keine leichte Nacht haben. Mit vollgestopftem Bauch schläft es sich nun mal sehr schlecht. Aber zumindest war das Bett zum Verweilen bequem. Als die Sonnenstrahlen ins Zimmer lugten, war uns klar, daß wir uns langsam für die Abfahrt um 10 Uhr fertigmachen sollten. Ein pünktlicher Check Out mit Schlüsselrückgabe für das Quartier wurde uns ja beim Check In dringend angeraten. Ein kurzer Gang zum Strand in die Sonne sollte uns die letzte Müdigkeit aus den Gliedern holen. Was für eine Wohltat, diese Wärme ohne kalte Brise. Noch etwas geblendet von der Sonne nahm ich dann bei der Ausfahrt vom Campground prompt den falschen Weg und stand plötzlich falsch herum in der Einfahrt. Ein Kiwi machte mich auf meinen Fehler lautstark aufmerksam, so daß ich sofort reagierte, zurücksetzte und den korrekten Weg auf die Kreuzung nahm. Anschließend fuhren wir die den Touristen empfohlene Scenicroute direkt an der Küste entlang und führte uns zu einigen wunderschönen Stränden und Surfspots. Es waren der Langs Beach und der Waipu Cove Beach. Zweiter hatte sogar einen schönen Campground dabei. Schade, daß wir uns den nicht am Vortag ausgewählt hatten. Und daß nur, weil ich zu faul war, noch weiter zu fahren. Der Name des Ortes kam mir dann auch bekannt vor, weil er auf meiner Favoritenliste der Campingplatzempfehlungen gestanden hatte. Nun gut, schön war es trotzdem, und wir verweilten einige Zeit, die wir ja im Überfluß hatten.

Julie erwartete uns erst nach 4 pm. Wir hatten dann in Whangarei sogar noch etwas Zeit, uns im sogenannten Basin umzuschauen, dem Gebiet um den Hafen. Wir lotsten uns zwar zunächst zum falschen, nämlich dem industriellen, wo es für uns nicht wirklich was zu sehen gab, fanden dann aber noch den Weg zum kleinen Yachthafen mit Vergnügungsmeile und den traditionellen Häusern der frühen europäischen Siedler. Ich konnte es nicht lassen, in einer Schokoladen-Toffee-Manufaktur mit angeschlossenem Cafe einen Long Black und ein Stück Ginger-Slice zu probieren. Raphael beäugte mich argwöhnisch, da er mir immer von verzuckerten Speisen abrät, aus rein gesundheitlichen Aspekten versteht sich. Letztlich mußte ich sogar zugeben, daß der Toffee-Ginger-Cake nicht so lecker war, wir erhofft. Da hatte ich weit im Süden einen wesentlich besser gemachten Ginger-Slice verspeisen dürfen. Dieser hier war einfach zu toffeelastig und zu süß. Nun war die Zeit gekommen, uns auf den Weg zur Julie zu machen. Unsere Vorfreude war groß, da wir wußten, was uns erwartete, wir vom letzten Besuch nicht genug bekommen konnten und am liebsten geblieben wären, aber ja nicht konnten. Jetzt waren wir wieder vereint. Freudestrahlend gingen wir daran, uns für die nächsten Tage einzurichten. Wir wußten ja schon, wie alles läuft, worauf zu achten ist und was man wo findet.

So stand den Feierlichkeiten zu meinem 50. nicht mehr wirklich etwas im Wege, außer daß uns gar nicht mehr so feierlich zu Mute war. Zum einen zog sich das Netz hier in Neuseeland auch immer enger zu. Das Covid 19 Level wurde von 2 auf 3 gesetzt und Level 4 sogar schon angekündigt. Damit würde dann unsere Reise im Land zum Stillstand kommen. Wir wollten doch noch weiter in den Norden und auch gern bei privaten Farmen bzw. Permakultur-Höfen aushelfen und etwas dazu lernen. Zum Zweiten war meine Familie, insbesondere mein Zwillingsbruder weit weg, mit denen ich gern zusammen in Halle an der Saale gefeiert hätte, um danach erst die Auszeit und Reise in die Welt anzutreten. Letztlich hatte ich mich aber schon im Herbst dafür entschieden, bereits Ende Dezember die Reisen zu starten. Nicht auszudenken, wenn ich das getan hätte. Ich wäre Ende März nicht mehr aus Deutschland herausgekommen. Und selbst die Feier hätte nicht mehr stattfinden dürfen. Jeder Haushalt sollte für sich bleiben, um dem Virus Einhalt zu gebieten. Ein Wahnsinn. Wäre ich geblieben, hätte ich beides verloren. Gut, daß Raphael mich immer anspornte, mit dem Start der Auszeit nicht mehr so lange zu warten. Als wenn er etwas geahnt hätte. Hatte er. Da er ja bereits auf und war und in Sydney auf mich wartete, hätten wir uns so schnell nicht wiedergesehen, wenn überhaupt. Die ersten schlimmen Ahnungen und Vorhersagen kamen ja bereits rund, daß es Monate gar Jahre dauern könnte, bis alles wieder wie vorher läuft. Wenn man dann überhaupt noch davon sprechen könnte. Umgekehrt kamen natürlich auch die Gedankenspiele auf, werde ich meine Familie jema0ls wiedersehen? 18000 km müssen erstmal überbrückt werden. Das alles machte schon traurig.

Hier stand der Lock Down noch bevor. So gerieten wir dabei etwas ins unklare, wo wir bleiben können, wenn "Stay at Home" angesagt war. Dürfen wir weiter bei Julie bleiben? Die geplanten Gäste würden sicherlich nicht mehr herkommen dürfen. Unsere Chance. Oder finden wir noch einen Hof, der uns aufnimmt? Oder werden Touristen doch gebeten, die Reise in die Heimatländer anzutreten? Da war plötzlich so viel Ungewißheit! Zudem kam jetzt auch noch, daß Julies Tochter, noch in Berlin weilend, vor der Rückkehr nach Neuseeland stand. Klar war, wenn sie es schaffen sollte, sie zumindest eine zweiwöchige Quarantäne durchlaufen müßte. Julie hatte sich ihr dafür angeboten, wenn die Tochter sonst keinen Unterschlupf finden sollte. Ihre Mutter nicht in Gefahr bringen wollend, hatte die Tochter zusammen mit einem Freund, der mit ihr reiste, eine andere Unterkunft gefunden, so daß uns Julie ganz pragmatisch vorschlug eine kleine neue Familie mit uns zweien zu gründen, unsere eigene Bubble. Wir mußten nur noch die offizielle Regierungserklärung abwarten, um alles in trockene Tücher bringen zu können. Eine noch kurzfristig versuchte Flucht auf eine Farm einer mit Julie befreundeten Heilerin scheiterte noch daran, daß diese bereits Helfer hatte. So gingen wir daran, unsere Planungen auszuweiten, nicht nur an die nächsten Tage, sondern Wochen oder gar Monate zu denken. Die Regierung deutete schon an, die befristeten Visas automatisch bis September zu verlängern. Das verhieß so einiges.

Nun hieß es Ruhe zu bewahren und sich auf die neue Situation einstellen, damit umgehen lernen. Viel konnten wir von nun an ja selbst nicht mehr bewegen. Der Bewegungsradius wurde abrupt kleiner. Haus, Supermarkt, Spaziergänge im Quarry Garden mit angrenzendem Waldstück. Immerhin einen Auslauf in der Natur, dazu Julies Haus mit Veranda und kleinem Garten, wo es einige Obstbäume und -büsche gab. Ein bereits vorhandenes Hochbeet wurde wieder reaktiviert und die ersten Samen gesät. Es schadet ja nicht, selbst ein paar Kräuter, Salat oder Gemüse zu haben. So findet man auch seine Abwechslung und verkümmert nicht ganz.  Wir schauten, was wir mit dem vorhandenen und was zusätzlich gemacht werden konnte. Birnen, Feigen, Erdbeerguaven, Limetten und Fejoas, gar Oliven haben wir nun schon geerntet. Letztere bedurften aber noch einer gewissen Nachbearbeitung damit sie genießbar wurden. Die Zeit versüßten wir uns zusätzlich mit dem Backen von Kuchen und, besonders wichtig, unserem heiß geliebten Brot. Das was hier in den Supermärkten oder Bäckereien zu haben ist, entspricht nicht wirklich unseren Vorstellungen, selbst wenn dann dort German Style draufsteht. Julie bietet ja zu unserem Erstaunen auch ein kleines Frühstück mit selbst gebackenem Brot, selbst gemachter Marmelade und Erdnußbutter an. Das Brot nahmen wir gern, wandelten es aber mit ihr zusammen ab. Wir nahmen, sofern noch zu bekommen, Vollkornmehl, verzichteten auf den Zucker und packten noch ein paar Saaten, Flocken, Kerne und Gewürze zusätzlich rein. Köstlich. Selbst Julie war davon begeistert. Die Erdnußbutter ersetzten wir durch selbst gemachtes Mandelmus. Dazu gesellten sich dann immer wieder Auftsriche aus Avocados, oftmals Geschenke von Nachbarn, und Rote Beete, self made versteht sich. Da sich die Zeit des Lockdown weiter in die Länge zog, gab es genug Möglichkeiten, die Dinge immer weiter zu perfektionieren. So ging die Zeit ins Land, mit Konversationen in englischer Sprache, vornehmlich zwischen Julie und Raphael. Da ich bei weitem noch nicht so sprachgewandt bin, konzentrierte ich mich aufs Zuhören. Das ging besser, was die Beiden durch meine gelegentlichen Kommentare bemerkten. Ich bemühte mich, weiter dazu zu lernen, auch mit englischsprachigen Kinderbüchern, die Julie als Mutter und Großmutter noch in ihrer Sammlung hatte. Aber auf Dauer war das sehr anstrengend, so daß ich mich freute, daß in der unmittelbaren Nachbarschaft deutsche Auswanderer leben, die verschiedene deutschsprachige Bücher besitzen und diese mir gern verliehen. So viele Bücher habe ich in vergleichbarer Zeit lange nicht verschlungen. Stay at home and Stay local haben also nicht nur Nachteile. Man hat Zeit für sich und seine Interessen und Entwicklungen. Man nimmt die Dinge in unmittelbarer Umgebung intensiver wahr. Die weitesten Wege waren noch die zu den Supermärkten. Leider hatten nur die großen Ketten geöffnet, da die kleinen Läden nicht für essential business gehalten worden oder den Hygienevorschriften nicht gerecht werden konnten.

Das änderte sich erst Ende April, mit der Rückführung des Gefährdungslevel, genauso wie die Möglichkeit, zur Erholung einen Tagesausflug an die Küste machen zu dürfen. Was waren wir froh, endlich wieder das Meer von nahem zu sehen und zu spüren. So schön der Quarry Garden und der Pukenui Forest auch waren, fehlte uns die Weite der Küstenlandschaft und das Getöse der anstürmenden Wassermassen. Aber es dauerte noch zwei Wochen länger, bevor wir Mitte Mai die Lockerungen so weit gingen, daß wir wieder freier im Land reisen und uns neue Gastgeber suchen durften. Wir ließen uns dafür zwei weitere Wochen Zeit. Wie das so ist. Nach so langer Zeit wächst man zusammen, mag sich nicht mehr trennen. Aber es galt los zu lassen. Wir hatten ja noch etwas vor. Zunächst aber nur in Neuseeland, da die internationalen Reisen, wie von uns bevorzugt, noch nicht möglich oder mit zu vielen Restriktionen verbunden waren. Wir verfolgen gespannt die Verhandlungen zwischen den Regierungen von Australien und Neuseeland, und wir warten auf die gemeinsame Bubble, wie es hier Down Under genannt wird. Letztlich wissen die beiden Länder, wie sehr sie miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Wir hoffen auf den sich nicht erst in ferner Zukunft öffnenden Korridor, wo Reisen ohne Quarantäneregeln möglich sind. Derzeit steht der September dafür im Raum. Wir gehen davon aus, daß es früher geschieht. Wer richtig liegt, werden wir sehen. 

Ende Mai hieß es nun endlich Abschied nehmen von Julie und ihrem schönen Zuhause. Allerdings kamen wir zunächst nicht all zu weit, sogar nur auf die andere Straßenseite. Unser erstes Vorhaben, einen Gastgeber zu finden, dem wir gegen Kost und Logis in seinem Haus und auf seinem Land bzw. im Garten helfen können, scheiterte noch an vorausgesagtem schlechten Wetter. Der zwar schnell gefundene Ersatz konnte uns erst zwei Tage später aufnehmen, so daß wir uns einen Zwischenaufenthalt organisieren mußten. Wir fanden Zuflucht bei den beiden deutschen Auswanderern Jörg und Kirsten, von denen wir auch die Bücher hatten und die wir bereits einmal, den Lockdownregeln entsprechend, zu Kaffee und Kuchen besuchten. Das nachmittägliche Treffen ging dann bis spät in die Nacht. Man hat sich halt viel zu erzählen, wenn man vergleichbare Ideen verfolgt. Nur das die Beiden viel früher auf ihre innere Stimme hörten und bereits vor 9 Jahren das Weite suchten und nach Neuseeland gingen, während wir gerade erst starten mit einer Auszeit vom Leben in Good Old Germany. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Claudia Wasser (Montag, 08 Juni 2020 21:07)

    Lieber Steffen, und Raphael vielen Dank für diesen tollen Reisebericht! Wie schön dass es euch trotz aller Hindernisse gelungen ist das Beste aus dieser Situation zu machen! Ich bin auch immer noch mit Umbau und Gartenarbeit voll beschäftigt, immerhin ist diese Woche mein zukünftiges eurythmie Zimmer frisch gestrichen worden, und nun warte ich auf den neuen Boden. Auch die Fenster sind erneuert Und vergrößert worden und es ist ein wunderbarer lichter hoher Raum entstanden. Ganz liebe Grüße an euch beide Claudia

Copyright © 2020 Steffen Schmoll

steffen.schmoll@posteo.de